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Sigur Rós Media

2005-11-08
Kölner Stadt-Anzeiger    Website

Selig versunkene Gesichter

Die Kultband Sigur Rós aus Island wird im Kölner Palladium gefeiert.

„Unsere T-Shirts“, verkündet das Schild im Foyer, „sind im Iglu vor unserem Haus von Hand gemacht.“ Willkommen im Reich von Sigur Rós, am Nordpol der Erweckung. Es gibt wohl keine Band, die ein so überwältigungsbereites Publikum ihr Eigen nennen können wie die Isländer. Weniger feinfühlige Genossen, die besonders leise Passagen zum Klatschen nutzen möchten, werden hier gnadenlos niedergezischt. Und wenn Jón Thór Birgisson sein außerirdisch schönes Falsett erhebt oder seine Gitarre besonders heftig mit dem Geigenbogen bearbeitet, blickt man in selig versunkene Gesichter. So würden Raelianer gucken, wenn das große Ufo käme, sie abzuholen.

Mit Sigur Rós verhält es sich ein wenig, wie mit den Opern Richard Wagners. Man kann sich ihrer Überwältigungsästhetik nur schwer entziehen, auch wenn vieles, bei kaltem Licht betrachtet, nur esoterisch verbrämter Bühnenzauber ist.

Schon bei der Vorband „Anima“ drängt sich der Gedanke auf, dass Island so was wie Disneyland sein muss. Mit Feen statt mit Mäusen. Die vier Mädchen - ätherische Geschöpfe in Elfengewändern - drehen an Spieluhren, fahren über Weinglas-Ränder, lassen Sägen singen. Es ist fast zu viel, doch auch wunderschön. Später unterstützen sie ihre großen Brüder im Geiste als Streichquartett. Sigur Rós sind mit ihrem neuen Album „Takk“ etwas lieblicher, fast poppiger geworden.

An den gewaltigen Schönklang ihres Meisterwerks „Agaetis Byrjun“ mögen die neuen Kompositionen nicht mehr heranreichen. Dafür können sie jetzt im Konzert zwischen dröhnenden Soundwänden zu pinkfloydscher Lightshow und kammermusikalischen Einlagen wechseln. Dabei bleibt die Bühne schmucklos und leer. Die vier Isländer wechseln wortlos, in sich gekehrt, vom Vibraphon zur Orgel, vom Kinderklavier zum Schlagzeug. Immer auf der Suche nach der möglichst ausufernden Entgrenzung des Inneren, nach dem Moment, in dem die Musik zum Naturphänomen wird.

Nur ein, zwei Mal finden sie zu fast klassischer Bandbesetzung, könnten fantasievolle Rezensenten ein Sigur-Rós-Stück als Rocksong bezeichnen. Aber handgefertigt, im Iglu vorm Haus.


2005-11-07
Kölnische Rundschau    Website

Nordlichter über dem Klangmeer

KÖLN. November, und es sind Nordlichter, die in der Dunkelheit flimmern. Konturen sucht das Auge vergeblich. Man steht einfach nur da, die Bierflasche in der Hand, steht in der Mitte einer lang gestreckten Fabrikhalle zwischen Tausenden von Menschen und sieht das Flackern, ein kaltes Weißblau, das im Schwarz ertrinkt. Wie im Rausch. Selbst die Luft schwirrt - ein in endlosen Nachhall getauchtes Klangmeer aus Streichern, Xylophon-Sprengseln und einer elektrischen Gitarre, die mit einem Cellobogen gestrichen wird.

Zwischen Kitsch und Gänsehaut

Der Bass pocht wie der Ruhepuls, der Flächenklang schwillt an, als gelange ein Medikament zur Wirkung, nach sieben, acht, neun Minuten schließlich bricht das Schlagzeug los, geprügelt mit den Hämmern Thors. Das hat man also davon, wenn Isländer zu Besuch sind. Besinnungslose Besinnlichkeit. Die isländische Formation Sigur Rós, deren Markenzeichen der sprachlose Falsetto-Gesang des Sängers Jónsi Birgisson ist, wartete im Kölner Palladium mit einer zweistündigen Zeitlupe in Ton und Bild auf.

Schon als die Isländer vor Jahren in der Philharmonie ihr sensationelles Album „O“ vorstellten, hatten sie eine Leinwand hinter Sänger, Band und Streichern aufgehängt. Damals huschten auf ihr die Möwen vorbei, schaukelten Kinder sich für die Apokalypse warm.

Diesmal, da die Band ein Album namens „Takk“ aus der Taufe gehoben hat, sind zum tagfernen Sigur Rós-Sound Nordlichter, introvertierte Gesichter, überbelichtete Sträucher zu sehen. Zunächst hängt ein durchsichtiger Vorhang vor Leinwand und Nebelschwaden. Er verschleiert die Musiker, die von niedrigen Scheinwerfern bestrahlt werden. Sie schieben warme und kalte Soundplatten durch den Nebel, schichten sie übereinander, kratzen in einem Moment am Kitsch und streicheln im nächsten die Gänsehaut. Es ist eine ununterbrochene Meditation, die konzentriert auf den erlösenden Lärm hinarbeitet - irgendwo zwischen Klangkunst, Filmmusik und Independent-Elegie. Die Zuhörerschaft versinkt in Trance. Sigur Rós, die Band aus dem Mythenland, hat es geschafft, selbst die Kölner der Welt zu entrücken. Wie es scheint, spiegelt diese Musik das Lebensgefühl des angebrochenen Jahrtausends wider wie kaum eine andere.


2005-11-06
Dresdner Neueste Nachrichten    Website

Schweben über dem Beben

Island, Vulkane, Elfen - stille Tage im Klischee. Sie lieben es, in der Badewanne Landschafts-Bildbände anzusehen? Gehören Sie dann auch zu denen, die bei exotischen Konzerten isländischer Bands in den unglaublichsten und magischsten Momenten noch einmal mit ihrem Fotohandy dazwischenblitzen und auf alle Fälle voreilig applaudieren müssen? Macht nichts, Ihnen kann geholfen werden. Nach dieser kollektiven Sternstunde, die auch ohne Forcierung zu einer geworden wäre. Bei solchen minutenlangen, stehenden Ovationen kommen Sigur Rós womöglich sogar mal wieder.

Schön wäre das, um nicht zu sagen -großartig, und bei all der poesiegeladenen, imaginären Kraft, die einem da am Sonnabend im weichen Sessel des Dresdner Kulturpalastes die Brust bedrückte, kann man Leute, die vor kollektiver Begeisterung die Musik auf halbem Wege für ein paar furchtbare, unscharfe Bilder liegen lassen, auch noch irgendwie aushalten. Schon das Vorspiel mit dem femininen Streichquartett Amina, das schon seit einigen Jahren die großen Sigur Rós live unterstützt und nun auch das Vorprogramm mit eigenem Stückwerk bestreitet, geht als unkonventionelle Ohrenweide durch. María, Hildur, Edda und Sólrœn knüpfen mit ihren Violinen dabei zumeist nur noch eine Unterlage für die Sequenzverschachtelungen, aus denen sich dann die zauberhaften, ethnisch universell anmutenden, klingelnden Instrumentalstücke aufbauen.

Und da ist es wieder - das strapazierte, aber bei diesem Anblick wirklich unvermeidliche Bild der Elfen, wenn in diesem warmen Licht auf der Bühne in bunten Strickjacken, auf Glockenspielen, Gläsern, singenden Sägen und Computern gleichermaßen herumgetupft wird und eine der schüchternen Federleichten mit ganz viel Akzent-Honig in der Stimme auf den Stand vor der Tür verweist, wo es handbemalte T-Shirts der Gruppe geben soll. Blumen und Käfer - nimmt man an und muss beinahe weinen. Ihre musikalische Wäsche schwebt im Vergleich zur Musik von Sigur Rós noch nicht da, wo die Luft zum Atmen langsam dünn wird, lockert hier den Boden noch einmal ganz flockig auf, bevor nach einer kurzen Pause ein Bassstampfen einsetzt, wie man es von den drei ersten Sigur-Rós-Alben definitiv nicht kennt. Hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang nähern sich die unnahbaren Isländer mit "Glósóli" wie aus einem Nebel. Immer irgendwo zwischen Postrock und Ambient verortet, haben sie sich auf "Takk..." (isl. für Danke) ein wenig mehr Eingängigkeit und Druck erlaubt, Stücke wie "Hoppípolla" oder das unglaublich wachsende "Saeglópur" reichen das in den ausverkauften und vor Spannung geradezu berstenden Kulturpalast durch. Als einer der emotional aufgeladensten Höhepunkte des Abends entpuppt sich jedoch auch Stück Nummer 4 vom Vorgänger "( )" (ein Album ohne Texte und Songtitel) - während schemenhafte Kindergesichter zeitlupenhaft über die Leinwand flattern, könnte man sich problemlos immer weiter in diese umarmende Melancholie einrollen und starren, bis es einen zerreißt.

Das ist klanglich wie dramaturgisch annähernd ingeniös und weit weg von engen Schubladen unserer Popkultur. Viel Platz haben sie auf der großen Bühne in diesem überdimensionierten Saal, doch sie scheuen sich keine Sekunde lang, das alles mit ihrer Musik - und sei es nur eine hallende, einleitende Pianosequenz - zu vereinnahmen. Es ist ein Wachsen, kein Pathos und dennoch servieren Sigur Rós mit einer Kelle, die so groß ist, wie es wahrscheinlich nicht jeder erwartet hatte, der vielleicht schon mal einem Mœm-Konzert im Star Club oder Ähnlichem beigewohnt hat. Der Blick auf Sänger Jónsi, dessen hagerer, gebrochener Schatten mit einem Cello-Bogen über die Gitarre fährt, während es seine drei Bandkollegen und hin und wieder die Mädchen von Anima aufgehen, klingen, schwelgen und schweben lassen, als stünden sie im Dämmerlicht über eine weite Ebene verteilt, macht es einem dabei nicht einfacher.

Dieses alles durchfließende Knaben-Falsett, außerirdisch mutet es an, egal, wie oft man ihm gelauscht hat. Es glitzert auf dem Weg von leise nach laut, zum Abschied regt sich der Teufel in der Gitarre so brachial wie sonst nur bei Bands wie Mono (morgen in der Scheune!). Das Licht, der Ablauf - alles vielleicht schon ein wenig zu perfekt, aber so lange gut, wie man meint, die Luft dazu anhalten zu müssen.


2005-11-03
Dresdner Neueste Nachrichten    Website

Lautmalen und Leisetreten

Weshalb die großartigen Sigur Rós im Kulturpalast und die großartigen Mono drei Tage später im Kulturzentrum Scheune spielen, ist eine Sache von Glücksspiel für die einen und Glücksspiel für die anderen. Zur Auflösung dieses etwas kryptisch anmutenden Textbeginns sei auf die Regeln in der Popkrämerei hingewiesen, die sich in den letzten Jahrzehnten nur auf den ersten, flüchtigen Blick verändert präsentieren. Was haben wir nicht alles schon für Springsteens in den kleinen Clubs erlebt, was für umwerfende Platten auf winzigen Labels gehört - welche gerade entdeckten Künstler schnell wieder an die Nummer Größer "verloren". Coco Rosie jedenfalls, die Cassidy-Schwestern mit Spielzeug, Klavier und zwei faszinierenden Stimmen, werden nicht mehr, wie im Vorjahr, in die Neustädter Blaue Fabrik kommen. Immer wieder ist das so, und so bleibt es.

So ist der neu aufgekeimte Hype um das isländische Quartett Sigur Rós nicht verwunderlich. Drei, vier Streichhölzer, zwei, drei feine Artikel in den richtigen Magazinen reichen aus, um das große Lodern zu entfachen. Einmal angesteckte Fans auch dieser Musik lassen sowieso nicht locker, geben den Virus ungefragt weiter. Landsfrau Björk tat im Falle Sigur Rós mit ihrer verqueren Genialität und sperrigen Kompatibilität als Ikone das Ihre, ein paar Referenzen namhafter Größen sorgten für zusätzlichen Schub. Man hatte das Quartett irgendwann einmal gehört, bei einer Fete nachts halb drei, als der Wein alle war. Oder gar live, wenn sie ihre üppige Mischung aus kammermusikalischer Eleganz im Rockkontext, dem scheinbar nicht von dieser Welt stammenden Gesang, der orchestralen Grandezza und dem offensiven Gebrauch vom "Looptop" zelebrierten. Das geschah stets sparsam genug, oft geheimnisvoll, genug auch von Absagen begleitet. Weltweit. Die Planer der Kulturarena Jena beispielsweise können Liederbücher darüber füllen. Fast bekam der Vierer den Ruf als Band, die sowieso nicht kommt. Es sei denn, sie ist mit den Richtigen unterwegs - Radiohead beispielsweise, vor denen sie tausende Menschen staunenden Mundes zurückließen.

Als Mitte des Jahres die nunmehr vierte Rós-CD namens "Takk ..." und die dazugehörige Tournee mit Station in Dresden angekündigt wurden, geschah etwas, das man galant als Eels-Effekt beschreiben kann: Das Ereignis sprach sich herum, schnell sogar, man wusste sofort, dass man am 5. November dabei sein muss. Nur wer Sigur Rós genau ist, was sie machen (gelegentlich war auch zu hören, man wolle unbedingt zu "ihm" gehen), blieb ein wenig im Dunkeln. Schön, dass es so etwas noch gibt. Nur, wer jetzt noch hin will, sollte sich mit dem Kartenkauf beeilen.

Sigur Rós sind Jón Thór Birgisson (Gesang, Gitarre), Georg Holm (Bass), Orri Pall Dyrason (Drums) und Kjartan Sveinsson (Keyboards), 1994 als Trio gegründet. "Takk ..." ist die erste CD, auf der auch reinrassige isländische Poesie zu hören ist. Zuvor sang man nicht etwa Englisch, sondern in der Geheim- wie Exklusivsprache Hoplandic. Das klang sogar ähnlich. Birgissons Falsett ist ein wahres Pfund und, hier kommen auch die japanischen Mono wieder ins Spiel, ein wesentlicher Unterschied zu ähnlich impressionistisch, mit kompakten instrumentalen Crescendi ausgespielten Schleifen und leicht bombastischem Schmonks arbeitenden Bands.

2000 erschien die CD "Agaetis Byrun", zwei Jahre später "()" bewusst ohne Titelbezeichnung und mit eigenwilligem Cover. David Bowie, der Kollegen regelmäßig mit zwei Sätzen adelt, in diesem Jahr gerade die unglaublichen Youngster von Arcade Fire, wusste von Sigur Rós zu schwärmen. Der Island-Effekt besorgte den Rest. Ja, ja: Musik zum Träumen, Musik zum Tagesausklang - das ist die Mitternachtsmelodie von Radio Geysir.

"Takk ..." ist nicht in Ansätzen so sperrig wie die Vorgänger. "Takk ..." ist glitzerndes Geschmeide, das zu pottigen Jeans passt. Was kommt hier alles zusammen, in elf Stücken, die nur entfernt Songs sein dürfen! Lautmalerei auf leisen Sohlen, wummernder Rumms, betonierte E-Gitarren, Blaskapelle, Blubbern, Tackern, Spieluhren, Vibraphon und Celesta, große Streicher, kleine Streicher, Glockenspiel. Fürs Kribbeln in den Rippchen und das Kratzen hinterm Ohr. Art-Rock ohne Begriffs-Igitt, weit und ausladend, uferlos und doch knallhart konzipiert, wieder in hunderten Stunden auf den Reißbretter in einem Reykjaviker Schwimmbad auf den Punkt gebracht, in Rohform an zig Studios geschickt, um den passenden Master-Sound fürs Endprodukt zu finden. An einigen Stellen suppt es regelrecht aus den Lautsprechern, und wenn Sigur Rós versprechen, diese Stücke im Konzert nah genug an ihre Ursprungsform zu führen, heißt das nicht etwa Reduktion, sondern erweiterte Spurensuche. Die Sampler werden glühen.

Logisch, dass Sigur Rós für Tanzstücke und Filme taugen und verwendet werden, so für Mercer Cunninghams "Split Sides" oder Fridrik Thor Fridrikssons "Angels Of The Universe". Logisch, dass der eher nüchterne Silberling nach einer bibliophilen Aufwertung wimmerte: Die limitierte Edition ist ein nahezu wortloses, geprägtes, mit Leinen gefasstes Büchlein von graphischer Erhabenheit. So etwas hatte man zuletzt bei den Rachel's in der Hand. Und ehe mit denen der Exkurs über "klein gebliebene Bands" in eine neue Runde geht, konzentrieren wir uns lieber auf die Vorfreude. Auf Sigur Rós im Kulturpalast. Und Mono in der Scheune.


2005-09-12
Netzzeitung.de    Website

Sigur Rós: «Einfach auf die Fresse fallen»

«Takk» heißt das neue Album von Sigur Rós. Die Netzeitung sprach mit Frontmann und Gitarren-Geiger Jon Thor Birgisson über Pfützen, Ehrgeiz und «den ganzen Wohlstandsscheiß».

Die isländische Band Sigur Rós ist derzeit populärer als ihre Landsmännin Björk. Mit ihren opulenten, atmosphärischen Stücken haben sie geradezu ein eigenes Genre begründet. Aus dem scheinen sie allerdings mit dem neuen Album «Takk» ausbrechen zu wollen: Sigur Ros versuchen sich in gut gelauntem Pop. Doch natürlich ist der von Island und der grausamen Natur inspiriert.

Netzeitung: Das ist aber für Sigur Rós' Verhältnisse eine richtig ausgelassene Platte geworden...

Jon Thor Birgisson: Finden Sie? Aber es sterben doch so viele Leute in diesen Songs wie nie zuvor bei uns. In «Saeglopur» zum Beispiel singe ich über einen Mann, einen Fischer, der sich mit seinem Boot mitten auf dem Meer verirrt...

Netzeitung: Und dann?

Birgisson: Ertrinkt er halt. In Island kann man recht schnell ertrinken.

Netzeitung: Die Texte versteht wahrscheinlich eh niemand, der nicht aus Island stammt...

Birgisson: Das stimmt schon. Ich könnte über den größten Unsinn singen, und es wäre egal...

Netzeitung: Worum geht es in «Hoppipolla». Das ist wohl der poppigste Song, den Sigur Rós jemals aufgenommen haben.

Birgisson: Davon, wie ich als Kind durch Pfützen gesprungen bin. Das spritzt immer so lustig. Wenn du jung bist, dann bist du erfüllt von dieser freien Ist-mir-doch- egal-Stimmung. Einfach mal auf die Fresse fallen und Nasenbluten haben, was soll’s. Das ist das Schöne am Kindsein, und darum geht es auch in diesem Lied.

Netzeitung: Wenn man Sigur Rós hört, denkt man häufig an Landschaften und Seen. Ist das in Ihrem Sinne?

Birgisson: Zumindest kein Zufall. Aber andererseits auch nicht wirklich die Intention von allem, was wir tun. Ich habe das schon oft gesagt: Wenn wir mitten in London wohnen würden, dann klänge unsere Musik selbstverständlich anders. Klar spiegelt unsere Musik wider, dass wir Isländer sind. «Hoppipolla» oder «Glosoli» sind sehr vom Reykjavik meiner Kindheit und Jugend inspiriert.

Netzeitung: Wie weit geht das?

Birgisson: Island ist ein schizophrenes Land mit komischen Bewohnern. Als Erwachsener denkt man viel darüber nach, wo man herkommt. Als Kind nicht. Ich weiß, wie mir der Schnee jeden Winter bis zur Brust ging und wie ich im Sommer fischen und schwimmen ging. Als Kind liebst du die Natur. Als Erwachsener musst du sie zumindest respektieren, sonst kannst du nicht überleben. Denn zwischen Sonne, Regen, Wind und Schneesturm liegen hier oft nur wenige Minuten.

Netzeitung: Nun die klassische Island-Frage: Sind Sie mit Björk befreundet?

Birgisson: Nein, nicht so richtig. Wir kennen sie natürlich, und als es losging mit uns und unserem Erfolg, da hat sie uns mal zu sich eingeladen. Es gab Kaffee und Kuchen und war nett. Wir haben sie dann immer um Ratschläge gebeten, aber sie hatte keine Lust, uns welche zu geben. Ich glaube, das Geschäftliche interessiert sie nicht so sehr.

Netzeitung: Wie fühlt es sich an, die bekannteste Band Islands zu sein?

Birgisson: Klar ist das komisch, wenn du plötzlich in der Weltgeschichte rumfliegst und Gigs spielst. Aber es ist auch schön. Ich wollte immer Musiker sein und davon leben können. Das war mein Ehrgeiz. Naja, Ehrgeiz ist das falsche Wort. Ich war nie verbissen. Sagen wir, es war mein Wunsch.

Netzeitung: Und wie war die Reaktion in der Heimat?

Birgisson: Wurschtegal. Isländer interessieren sich grundsätzlich nicht für Ruhm. Selbst Björk oder unser Präsident können komplett unbehelligt durch die Straßen laufen, ohne aucxh nur angesprochen zu werden. Ansonsten sind wir auch nicht die Art von Menschen, die einen Rock'n'Roll-Lifestyle lebt. Wir sind sehr normale, junge Familienväter um die 30. Vor eineinhalb Jahren zum Beispiel ist meine Tochter Elena zur Welt gekommen, aber das würde niemals groß bei uns in der Zeitung stehen. Ego, Ruhm und Geld sind jedenfalls kein Antrieb für uns.

Netzeitung: Gibt es auf «Takk» einen Song über Elena?

Birgisson: Nein, so etwas mache ich nicht. Unsere Songs drehen sich meist um Atmosphären und Gefühle, so richtig greifbar sind die nicht.

Netzeitung: Auf der Vorab-CD-Hülle, die ich von der Plattenfirma habe, steht nicht «Takk», sondern «Final Album». Will Sigur Rós etwa aufhören?

Birgisson: Gottogott, nein! Das ist ein Missverständnis. Unser zweites Album, das, mit dem wir bekannt wurden, hieß ja «Agaetis Byrjun», also «Guter Anfang». Von daher hätte es sogar gepasst. Wir haben aber nicht vor, jetzt aufzuhören. Etwas anderes als Musik machen können wir uns überhaupt nicht vorstellen.

Netzeitung: Wofür sagen Sie denn «Takk», also Danke?

Birgisson: Für alles, wirklich. Die Leute vergessen oft, dankbar zu sein für die Kleinigkeiten im Leben. Dafür, dass wir das Wasser aus dem Hahn trinken können, ohne davon krank zu werden. Oder dass wir ein Haus haben, in dem wir wohnen. Viele haben das nicht. Es gibt soviel Undankbarkeit, die Leute nerven ohne Ende wegen irgendwelcher Sachen, die echt nichts bedeuten. Dieser ganze selbstgefällige Wohlstandsscheiß geht mir echt ziemlich auf den Sack. «Takk» ist also fast schon ein gesellschaftlicher Kommentar, wenn wir denn gesellschaftliche Kommentare abgeben würden, was wir ja nicht tun. Außerdem versteht man das Wort in vielen Sprachen. Ich glaube, für viele ist «Takk» sogar das einzige isländische Wort, das sie übersetzen können.

Netzeitung: Wie dankbar sind Sie denn für Ihren Erfolg?

Birgisson: Unendlich. Wie gesagt wir sind keine schrecklich erfolgshungrigen oder ehrgeizigen Menschen. Wir sind sehr geduldig. Unsere Lieder kommen auf natürliche Art zu uns. Sie nehmen sich Zeit, so wie wir auch. Selbstverständlich sind wir aber dankbar für das, was wir geschafft haben. Bei unserem ersten Album war das Ziel, 2000 Stück in Island zu verkaufen. Es waren am Ende mehr als eine Million in der ganzen Welt.

Netzeitung: Dafür, dass Sie nicht sehr ehrgeizig seid, haben Sie sich aber lange Zeit gelassen für «Takk».

Birgisson: Das sind zwei Arten von Ehrgeiz. Es ist uns egal, ob wir viel verkaufen. Aber es ist uns das Gegenteil von egal, ob wir eine gute oder gar großartige Platte machen. Wir setzen auf Qualität, und bei diesem Album hat es nun mal 20 Monate gedauert, bis wir zufrieden waren.

Netzeitung: Was genau dauert denn so lange?

Birgisson: Mein Vater ist Schmied, er arbeitet also mit Eisen und mit seinen Händen. Ich selbst zeichne sehr gerne. Auch Musik ist für uns absolute Feinarbeit. Oft dauert es nur einen Tag, um einen Song zu schreiben. Aber nachdem wir ihn dann aufgenommen haben, denken wir tausendmal darüber nach und überlegen, was wir noch ändern oder verbessern können. Da geht dann wirklich häufig nur um absolute Kleinigkeiten.

Netzeitung: Fällt es Ihnen schwer, einen Song loszulassen?

Birgisson: Sehr! Das ist der schlimmste Teil vom Ganzen. Mir fällt es aber noch am leichtesten von allen. Ich kann besser sagen «Leute, das ist jetzt wirklich mal fertig», aber dann kommen die anderen und meinen «Ach, komm, lass uns da nochmal drüber gehen». Wir sind eine unglaublich demokratische Gruppe. Wir diskutieren und reden sehr viel über unsere Musik. Nichts wird abgesegnet, womit nicht alle vier einverstanden sind. Sigur Ros gibt es jetzt seit elf Jahren. Wir waren noch Teenager, als wir anfingen. Ich denke, man kann als Band nur dann so lange zusammen arbeiten, wenn man sich gut kennt und auch gut leiden mag. Wir sind Freunde und können uns an sich alles sagen, aber man darf den Respekt voreinander nicht verlieren. Bands, denen der Respekt fehlt, brechen schnell auseinander.

Netzeitung: Wo meinen Sie kommt Ihr Image her, eine seltsame Band zu sein, mit komischen Texten und komischen Instrumenten...

Birgisson: Wir gelten als mysteriös, dabei bin ich überhaupt kein geheimnisvoller Mensch, die anderen auch nicht. Wir sind vier relativ junge Männer, die viel Spaß haben und auch lachen. Wir können sogar versaute Witze machen. Man meint ja immer, wir wären so ernst.

Netzeitung: Sie gelten als elitär.

Birgisson: Ja und wenn schon. Wir achten halt auf Qualität. Wir haben aber keinen elitären Anspruch, der das Volk ausschließen würde. Manchmal spielen wir komplett alberne Versionen unserer Songs, zum Beispiel bei Soundchecks. Dann machen wir auch mal eine Discoversion oder eine richtige Rockversion und lachen uns schlapp.

Netzeitung: Kann man das auch mal hören?

Birgisson: Nee, lieber nicht. Es bleibt zwar immer offen, wie unsere nächsten Sachen klingen, aber dass wir uns plötzlich von Jay-Z remixen lassen, das kann ich schon ziemlich ausschließen.

Netzeitung: Warum klingt «Takk» so viel leichter und luftiger als die Vorgänger-Alben?

Birgisson: Das zweite Album war einfach sehr schwierig zu machen. Puh, was haben wir uns da einen abgebrochen. Das Problem war: Wir spielten die Songs schon drei Jahre lang Abend für Abend auf der Bühne, deshalb war es ungeheuer anstrengend, sie dann im Studio einzufangen.

Netzeitung: Und diesmal?

Birgisson: Kamen wir von der Tour und haben erstmal kurz unser Leben gelebt. Die erste Pause seit fünf oder sechs Jahren. Dann waren wir voller Energie und glücklich und fröhlich. Und wir haben festgestellt, dass es auch Spaß machen kann, ein Album aufzunehmen.

Netzeitung: Als ich mal in Island war, habe ich am Wochenende wirklich sehr viele Besoffene in den Straßen gesehen...

Birgisson: Oh, war ich auch dabei? Man kommt einfach nicht drum herum, denn es gibt in Reykjavik keine ruhigen Nächte am Wochenende. Alle trinken, bis sie umfallen.

Das Gespräch führte Steffen Rüth.


2005-07-24
Netzzeitung.de    Website

Sigur Rós: Gestört hat nur der Applaus

In Berlin hat die isländische Band Sigur Rós gezeigt, dass sie keine Angst hat: nicht vor Schönheit, nicht vor Kitsch und erst recht nicht vor der Erwartungshaltung des Publikums.

Es gibt Konzerte, die einen mit offenem Mund zurück lassen. Leider viel zu selten. In Berlin war es in der vergangenen Woche wieder so weit, als die Isländer Sigur Rós und ihre Vorband Amina auf die Bühne gestiegen sind. Drei Stunden lang durften die Zuschauer staunen.

Zuerst über vier Mädchen, wie man sie aus verträumten Filmen kennt: Mit langen Kleidern und geraden Rücken huschten die Musikerinnen von Amina von Ton zu Ton am Klavier, von Harmonie zu Harmonie am Xylophon, sie spielten mit Geigen, mit dem Computer, mit Gläsern, einer kleinen Drehorgel und auch mit einer singenden Säge. Die Bühne wurde zu einer Küche, in der diese kleinen Schwestern Björks ihre Gerichte im Augenblick des Werdens zu erfinden schienen. Über füllige Beats legten sie Klangteppiche und Melodien, die einen mit einem seligen Lächeln in liebliche Landschaften beförderten. Gestört hat da nur der Applaus.

Aus hübsch wird schön

Wenn Amina, die Sigur Rós als Streichquartett begleiteten, das Lied waren, folgte mit der Hauptband die Oper. Das Leichte wurde opulent, aus hübsch wurde schön, und während Sänger und Gitarrist Jón Thór Birgisson seine E-Gitarre als Streichinstrument benutzte, wartete der Saal sehnsüchtig auf den Einsatz seiner wunderbaren Stimme.

Sigur Rós hat keine Angst vor Schönheit, die auch gerne am Kitsch entlangschrammt. Dafür ist die Lage zu ernst. Klangwände, die von tropfenartigen, einsamen Tönen durchbrochen werden, Melodien scheinbar direkt aus dem Geysir, entstanden auf der Bühne, um die weiße Vorhänge wehten, auf die manchmal Abstraktes, manchmal so Konkretes wie Äste projeziert wurde.

Moderne Oper

Dieses Konzert war eine große Aufführung, eine moderne Oper, deren Handlung - so der Wunsch der Musiker - in jedem Kopf ruhig anders aussehen soll. Dass angeblich nicht einmal die Band selbst die Worte versteht, die Birgisson in seiner Fantasiesprache singt, ist belanglos. Auch scheint niemand so genau zu wissen, für wen diese Musik eigentlich bestimmt ist. Sie ist einfach nur da, und das ist völlig ausreichend, ohne dabei selbstgerecht zu werden.

Als am Ende dann der Vorhang fällt, kommen Sigur Rós und Amina noch einmal auf die Bühne und verbeugen sich, wie es Schauspieler eben tun. An der Wand steht in großen Lettern «Takk» - danke - zu lesen. Eine Höflichkeit, die definitiv aus der falschen Richtung kommt. Aber es ist auch der Titel des neuen Albums, das im Herbst erscheint.


2005-07-22
taz Berlin    Website

Schwarzkiefern

Musik aus Island

Zuerst war da dieser Vorhang. Etwas Flitterhaftes. Gaze vielleicht. Dahinter die Silhouetten der Band. Der Sänger mit obligatorischem Geigenstock, periskophaft nach oben abstehend. Kurz die Frage, ob der Vorhang das gesamte Konzert über unten bleibt - wir würden unten bleiben mit dem Vorhang. Aber nein, pünktlich zum ersten rauschhaften Applaus ging er hoch, der Vorhang.

Dahinter die jungen Isländer von Sigur Rós samt den jungen Isländerinnen von der Vorband Amina. Später die Videoprojektionen. Perfektester Lichteinsatz. Kaum Farben, dafür alle möglichen Kontraste zwischen Weiß und Grau. Wellen der Entzückung in den bestuhlten Reihen, in der Stehzone suchten Fachgespräche nach Filmzitaten zur Musik. Sieger wurde Kyle MacLachlan aus Twin Peaks: "Alles voller Schwarzkiefern. Beeindruckend."

Vor uns langsam im Takt schaukelnde Röcke, neben uns der durchdringende Geruch der handgesprayten Band-T-Shirts. Auch ein Rausch. Das Stehen wurde anstrengend. Es blieben nicht viele Möglichkeiten zwischen Herumgeistern und Applauszollen. Die Musik wie aus Glas. Schneidend, klar und kalt. Kurz drohte sie in die erwartete Langeweile zu kippen - die Muster blieben sich gleich -, da dröhnte der erste Ton eines Echolots durch die Columbiahalle. Großer, geschichtsloser Jubel.

Wenig später setzte sich die Langeweile doch noch durch - die Band lebte beflissen ihren Hang zur Spieldose aus. Aber zum Schluss eine entscheidende Steigerung bei Sigur Rós, und auch der Vorhang durfte wieder zum Einsatz kommen. Mit dem letzten Stück nahte der kathartische Moment, auf den alle gewartet hatten. Gereinigt und geläutert verschwanden wir im Untergrund.


2005-07-19
Hamburger Abendblatt    Website

Sigur Rós - Sphärenklänge aus dem Land der Elfen

Als der letzte Ton verklungen ist, wirft Orri Páll Dýrason einen Teil seines Schlagzeugs um. Was aussieht, als hätte sich ein Ventil für aufgestaute Wut geöffnet, scheint in Wahrheit die Befreiung von allerhöchster Anspannung und Konzentration zu sein. Denn Dýrason gehört zu einem Kraftfeld, das sich Sigur Rós nennt. "Wir sind keine Band, wir sind Musik", sagt Jón Thór Birgisson, Sänger und Gitarrist des isländischen Ensembles.

Musik bedeutet bei Sigur Rós nicht Strophe und Refrain, sondern Klang. Birgisson streicht seine E-Gitarre mit einem Cellobogen, Dýrason fegt mit metallischen Besen über Trommeln und Becken, Kjartan Sveinsson läßt seine Keyboards wie eine Kirchenorgel ertönen und gibt dem Sound so eine räumliche Dimension. Ein Streichquartett aus vier quietschbunt angezogenen Islandmädchen sitzt mit den vier Musikern von Sigur Rós auf der Stadtparkbühne und erweitert das Spektrum um Geigen und Cello.

Diese langsamen an- und abschwellenden, an Ligeti oder Gorecki erinnernden Klangflächen, wecken Träume - von durchsichtigen Elfen und bedrohlichen Trollen, von sprudelnden Geysiren und kargen, einsamen Fjordlandschaften. Mit magischen Tönen schlagen sie das Auditorium in einen festen Bann. Es befindet sich in einem Spannungsfeld überraschender Wendungen von ganz laut bis ganz zart.

Manchmal ertönt nur ein helles Glöckchen wie von einem weit entfernten Kirchturm, andere Kompositionen enden in einem Orkan aus kreischenden Rückkopplungen und D´
Und dann ist da noch die Stimme von Jo´n Thór Birgisson. Ein hohes Falsett, das Worte in einer nicht verständlichen Sprache singt, sei es nun Isländisch oder Hopeländisch, wie Birgisson es selber einmal genannt hat. Wobei nicht verbürgt ist, ob er diesen Begriff wirklich ernst gemeint hat oder nur einen Journalisten auf den Arm nehmen wollte. In jedem Fall kommt es bei Sigur Rós' Texten nicht auf die Wortbedeutung, sondern einzig auf den Klang an.

Fast zwei Stunden lang lassen Sigur Rós im Stadtpark ihre sphärischen Klanglandschaften entstehen, dank einer Ausnahmegenehmigung dürfen sie bis 23 Uhr musizieren.

Bis auf die in blaues Licht getauchte Bühne ist es im Stadtparkrund nachtschwarz geworden. Die Zuhörer kehren aus ihren Träumen in die Realität zurück. Überschütten die Musiker mit Beifall. Und entschweben von einem magischen Ort in die Dunkelheit der Stadt.


2005-07-05
taz Berlin    Website

In aller Erhabenheit

Rockmusik aus dem Weihrauchkesselchen Island

Kritiken von Sigur-Rós-Konzerten lesen sich oft wie ein Report von einer katholischen Messe, von sphärischen Klängen wird geschrieben und engelsgleichen Gitarrenscharen, die da hinabfahren auf die, die da nur guten Glaubens sind. Glauben aber hat doch immer was mit Geheimnis zu tun, einem Enigma, das auch die vier Jungs von Sigur Rós tatsächlich umweht: dass man ihnen nämlich einfach nicht böse sein kann. Selbst wenn man schon längst ahnt, dass die ganze Pracht und der Bombast gefährlich nah am Kitsch siedeln. Aber Sigur Rós kommen eben aus Island, wo doch noch echte Elfen auf den Feldern wachsen.


2003-02-20
Berliner Morgenpost    Website

Hopeländisch

Wieder da: Sigur Rós aus Island

Spätestens seit Björk weiß die Pop-Welt, dass man in Island etwas anders tickt. Die Sanges-Elfe wirkt allerdings völlig normal im Vergleich zu Islands Rock-Export-Schlager. Sigur Rós heißt der und setzt neue Maßstäbe in Sachen Verweigerungshaltung. Frontmann Jon Thor Birgisson etwa singt in einer Fantasiesprache namens "Hopeländisch", die wahrscheinlich nur sanfte Tiere verstehen können. Die aktuelle Platte, die in einem Swimmingpool aufgenommen wurde, trägt keinen Titel, sondern führt ein "()" (sic!) auf der Hülle, im Booklet finden sich dann konsequenterweise lauter leere Blätter. Man muss schon die Assoziationsmaschine kräftig laufen lassen zu dieser extrem langsamen, wunderlich klangverzärtelten Musik. Nach dem kurzfristig abgesagten Berlin-Auftritt im Oktober vergangenen Jahres behaupteten böse Zungen, dass die Isländer jetzt auf eine noch unglaublichere Idee gekommen seien: das ultimative Konzert nur für den Kopf, ohne störende Gruppe auf der Bühne. In Wirklichkeit standen die Trucks mit dem Band-Equipment zehn Stunden im Stau an der tschechischen Grenze. Vielleicht geht ja heute, beim Wiederholungs-Konzert, alles gut.


2003-02-20
Berliner Zeitung    Website

Ab nach Island

Leibhaftiges Klischee: Sigur Ros spielten in der Arena

Die Halle war bestuhlt, das Licht gedimmt und das Publikum still. Kein Laut, keine Betriebsamkeit sollte die Darbietung stören, und wer dennoch den Gang zur Theke wagte, schlich sich mit schlechtem Gewissen davon.

Solch ein Verhalten ist für ein herkömmliches Rockkonzert zwar ausgesucht ungewöhnlich, doch am Donnerstagabend wurde in der Arena ja auch kein herkömmliches Rockkonzert gegeben. Sondern ein Konzert von Sigur Ros.

Obwohl die vier schwindsüchtig wirkenden Isländer noch gewöhnliche Instrumente wie Gitarre, Schlagzeug, Bass und Klavier bedienen, soll doch jede Tonfolge, die sie ihnen entlocken, über das Irdische hinweg ins sozusagen Überirdische weisen; ihre Musik soll nicht unterhalten, sondern den Hörer vielmehr erbauen. Sänger Jon Thor Birgisson jammert, jubiliert und quietscht dazu mit seinem Chorjungen-Falsett in einer Sprache, die es gar nicht gibt. Er hat seine Texte nämlich auf "hopelandish" verfasst, in einer Fantasiesprache, in der keine Wortbedeutung die Schönheit trübt. Deshalb sind die Stücke des neuen Sigur-Ros-Albums auch samt und sonders ohne Namen geblieben, deshalb trägt die Platte auch den interessanten Titel "()".

Sigur Ros verstehen sich so sehr als große Kunst, dass sie sich am liebsten an die Wand hängen würden. Doch weil es sich an Wänden so schlecht musiziert, stehen sie bis auf weiteres noch auf Bühnen. Und dort stehen sie, und stehen und stehen. Denn Sigur-Ros-Konzerte sind derart ereignisarm, dass es schon an Aktionismus grenzt, wenn Sänger Jon Thor Birgisson überhaupt singt. Weil auch die Restband hartnäckig jedwede Bewegung vermeidet, spielt sie wohl noch langsamer, als es eigentlich geht.

Alle Songs funktionieren dabei nach dem gleichen Rezept: Man nehme ein simples Motiv, wiederhole es mit Hingabe minutenlang und schichte es Sound für Sound zu einem pompösen, orchestralen Nichts. Anschließend verschleiere man das Nichts mit etwas fadenscheiniger Spannung und simulierter Dramaturgie. Dazu variiere man mitunter die Lautstärke, und verziere das Ganze mit einer dekorativen Dosis leidenden Gesangs.

Obwohl dieses Rezept nicht neu ist und schon von einer Unzahl von Progressive-Rock-, Post-Punk- und Post-Rock-Bands eingesetzt wurde, brauchte es wohl Sigur Ros, es so verblüffend zu perfektionieren. Im Konzert jedenfalls saß jeder Ton, jede Rückkopplung stimmte, und auch der Sound waberte wunderbar und klar. Auf der Videoleinwand sah man - neben allerlei unidentifizierbarem Geschwurbel - die großen Augen kleiner Kinder, die Sigur Ros kunsthandwerklich naiven Postkartenrock eindrucksvoll unterstrichen.

Doch während Sigur Ros als Band-gewordenes Island-Klischee immer weiter und weiter spielten, schaute das Publikum schon längst nicht mehr zur Bühne. Es träumte von Gletschern, Eisseen, Vulkanen, Elfen und Trollen und was es auf dieser entlegenen Insel sonst noch an interessanten Sehenwürdigkeiten geben mag.




2003-02-17
Die Welt    Website

Abheben oder einschlafen, das ist hier die Frage

Die isländische Kultband Sigur Rós ist mehr der Kammermusik als dem Pop verpflichtet

Draußen klirrte die kalte Nacht, drinnen servierte die isländische Kultband Sigur Rós am Sonnabend auf Kampnagel musikalische Leckerbissen. Isländischen Bands eilt zu Recht der Ruf voraus, sie verstünden es, Tradition und Gegenwart auf ganz eigene Weise zu verbinden. Alte isländische Sagas aus den Jahrhunderten der Besiedlung werden mit dem soliden Selbstbewusstsein einer jungen, durch und durch technisierten und noch nicht einmal sechzigjährigen Nation kombiniert. Sigur Rós gelingt das Kunststück, das urtümlich düstere Schöne mit modernen Mitteln wach zu halten.

Langgezogene, elektrisch verzerrte Gitarrenklänge verbünden sich in den Stücken der Band mit sonoren Streichersequenzen. Deshalb nahm hinter den vier schlaksigen Jungs ein weibliches Streichquartett Platz. Zu den melodischen Sequenzen bummerte stoisch der Bass, während das Schlagzeug nur gelegentlich in den Vordergrund drängte. Garniert wurde diese dunkle, behäbige und zuweilen fast auf der Stelle tretende Musik immer wieder mit einem erstaunlich hellen, manchmal fast überkippenden Gesang, der entgegen eines sich hartnäckig haltenden Gerüchts keineswegs in einer Phantasiesprache namens hopländisch, sondern in ordinärem Isländisch gehalten wird.

Insgesamt ist die Band mehr der ernsten Kammermusik verpflichtet als dem leichtlebigem Pop. So herrschte denn auch eine getragene Ruhe im Publikum, das sich offensiven Gesten des Zuhörens verschrieben hatte. Und tatsächlich gelingen Sigur Rós immer wieder diese Momente, in denen der Hörer gedanklich wegdriftet, sich von der unmittelbaren Gegenwart löst - nicht trotz, sondern diesmal wegen der Musik. Doch wollte man es von Seiten der Band damit nicht genug sein lassen: Allzu eifrig schossen Lichtfontänen in die Kampnagel-Halle, so als gelte es, einen Luftangriff feindlicher Musiker abzuwehren. Allzu bedeutungsschwanger wurde die Projektionswand bestückt, auf der Schemen sich verflüchtigender Kindergesichter mit solarisierten Landschaften abwechselten.

So ging es vielen Gästen am Ende des Hamburger Sigur-Rós-Konzertes wie auf einem isländischen Weihnachtsfest, wo alter Sitte gemäß nach und nach Dutzende von Torten und Kuchen gereicht werden: Selbst wer über einen großen Magen verfügt, von allem nur wenig gegessen hat und den lächelnden Gastgebern gegenüber wirklich nicht unhöflich sein will, hat irgendwann keine Chance mehr, er ist einfach satt.


2003-02-17
Die Welt    Website

Von den Wogen erfasst

Schiffbrüchig in einem Meer aus Tönen: Sigur Rós auf Kampnagel

Vielleicht sind es ja die Pausen. Vielleicht ist es die Virtuosität, mit der Sigur Rós Stille als Instrument nutzen, die Konzerte der Isländer zu einem solchem Gewaltstreich machen. Vom Geheimtipp hat sich der exzentrische Nordland-Vierer in kurzer Zeit zum Massenphänomen hochgespielt, das die Fans scharenweise nach Kampnagel zog. Seit Wochen war der große Saal bis auf den letzten Hocker ausverkauft.

In Wellen rollt Sigur Rós-Sound an. Mal als leichtes Gekräusel, das die Nerven einlullt. Es gibt Momente absoluter Ruhe - wunderbare Aussetzer, in denen nur noch das Atmen der Menschen und das Knarzen des Holzes im Saal zu hören ist. Dann wieder schwillt die Brandung an, bricht mit ungeheurer Wucht über dem Zuhörer zusammen, ein orgiastisches Brausen aus wütender Orgel, heulender Gitarre und dreschendem Schlagzeug. Man kann Jónsis sirenenhaften Gesang geschmäcklerisch finden, man kann die Wahlverwandtschaft des Klangbildes, dieses Pochens und Rauschens, zu den frühen Pink Floyd herausstellen - nur entziehen kann man sich nicht, keine Sekunde in diesen so faszinierenden zwei Stunden.

Sigur Rós verweigern sich gelassen einigen der guten alten Spielregeln des Showbiz: Kein Starkult, keine Plaudereien, aber wozu auch, die meisten Lieder haben ja nicht mal einen Namen. Live gewinnen die im Studio oft amorphen Stücke an Konturen, bekommt auch das mitgebrachte Streichquartett eine tragende Rolle. Brachial-Gitarren prallen auf eine zarte Flöte, aus minimalistischen Intermezzi mit Orgel und Glockenspiel entsteht maximale Phongewalt - eine mit ungeheurer Liebe zum Detail arrangierte Labsal für die Gehörgänge in diesen Tagen der Plas-tikpop-Nixen und Superstar-Grotesken.

Bleibt abzuwarten, wo die Reise hingeht - gerade für den zarten Jónsi, dessen Falsett auch schon mal an einem nervösen Lacher erstickt. Derzeit jedenfalls sind Sigur Rós eine Sensation, spielen Ummagumma fürs neue Jahrtausend und konnten sich dafür nach einem grandios-orgiastischen Finale feiern lassen: minutenlange Standing Ovations, und ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl zwischen Band und Fans: Wir gegen die da draußen in Funk und Fernsehen. Richtig gute Musik kann richtig glücklich machen.


2002-11-09
Berliner Zeitung    Website

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Zu dieser Jahreszeit wird es in Island drei Stunden am Tag hell. Zwischen zwölf Uhr mittags und fünfzehn Uhr quält sich die Sonne orangefarben über den Horizont. In diesen geografischen Kreisen ist die Suizidrate höher als in anderen Gegenden. Es wird auch schwer getrunken. Man muss sich nicht das Leben nehmen, um zur Musik von Sigur Ros vordringen zu können. Man sollte sie allerdings im abgedunkelten Zimmer und in einem leicht benebelten Zustand hören, beides dürfte Mitte November nicht so schwer zu bewerkstelligen sein. Denn aus der Dunkelheit erhebt sich diese zauberhafte Musik und in die Dunkelheit wird sie verschwinden, wenn dereinst die Kathedralen aus Eis geschmolzen sind und sich Kay und Gerda aus dem Reich der Schneekönigin auf den Weg zurück in die großen Städte machen.

Es könnte ein singendes, klingendes Weihnachtsbäumchen für Traumtänzer sein, was die isländische Band Sigur Ros hier vorstellt, es könnte ein orchestrierter Trip in die geisterhafte Unterwelt ihrer Heimatinsel sein, es könnte große Kunst sein oder grandioser Kitsch. Es könnte alles sein und nichts bedeuten. Mit ihrem zweiten in Mitteleuropa veröffentlichten Album haben Sigur Ros ihre manische Selbstversenkung auf die Spitze und in den Abgrund getrieben. Das Album erscheint anonym, die acht Stücke tragen keine Titel, die Sprache ist nicht zu verstehen, nicht einmal zu identifizieren. Es soll hopeländisch sein. Das zwölfseitige Booklet verzeichnet nichts weiter als Wasserzeichen auf geschöpftem Bütten. Keine Musiker, keine Instrumente, keine Thank you s. Es muss alles ein großes Rätsel bleiben, und das ist gut so. Einer Welt, die nur noch Zeichen kennt und keine Informationen, verweigern Sigur Ros strikt ihre Anteilnahme. Seit dem Auftauchen von Björk glaubt man zu ahnen, dass die Isländer nicht nur latente künstlerische Genies sind, sondern auch latent gefährdete Persönlichkeiten. Bei allem Respekt, beim Tanzen in der Dunkelheit lockert sich schnell mal ein Schräubchen. Man liegt vielleicht nicht falsch, wenn man aus diesen romantizistischen Arrangements mit Orff schem Schlagwerk und Operngesang, diesen Soundkaskaden, die Sigur Ros aufziehen, vierundzwanzig Spuren Größenwahn heraushört. Märchenfreunde dürfen sagen: Der Kaiser hat ja gar nichts an. Aber wenn all das Schwellen und Quellen, wenn das Schweben und Kleben der Klaviere, Orgeln und Gitarren schließlich in einer Koda aus psychodelischer Rockmusik Erlösung findet, dann fällt einem einfach ein Stein vom schweren Herzen. Diese Musik erinnert einen an Orte, die man gern einmal besuchen würde.


2002-11-09
Hamburger Morgenpost    Website

Melancholie ohne Titel: Sigur Rós mit neuem Album für den Herbst

Hamburg  - Wenn die Blätter fallen, die Tage kürzer werden und sich ein grauer Schleier über die Menschen legt, dann ist genau die richtige Zeit für die Musik der isländischen Gruppe Sigur Rós. Melancholie ohne Schwermut, Emotionen ohne Worte: Die vier Isländer verpacken ihre Gefühle in Töne und machen nicht viel Aufhebens, weder um sich selbst noch um ihre Musik.

Sie sind nur eins, konsequent: Ihr neues Album, das seit kurzem auf dem Markt ist, hat keinen Titel, sondern heißt schlicht "()" (Klammer auf, Klammer zu), die acht Stücke sind ebenso namenlos, und das Booklet kommt auch ganz ohne Worte aus.

"Wir haben der Platte keinen Namen gegeben, weil wir keine Bedeutung reininterpretieren wollten", sagt der Schlagzeuger Orri Pall Dyrason im dpa-Gespräch. "Die Leute sollen selbst fühlen, was die Musik für sie bedeutet. Wir haben ja auch keine Liedtexte." Das, was Jon Thor Birgisson "singt", sind meist keine Worte, sondern eher Laute, er setzt seine Stimme als Instrument ein. Dazu passt auch die rein grafische Gestaltung der CD. Alle Informationen zur Platte sind auf der Webseite der Band zu finden.

Entstanden ist das Ganze im "Alafoss", einem früheren Schwimmbad in ihrer Heimatstadt Reykjavik. "Die Abgeschiedenheit und die soliden Betonmauern um uns herum, das war perfekt. Es bringt etwas ganz Besonderes in unseren Sound", sagt Keyboarder Kjartan Sveinsson. Die Songs dürften mit bis zu 13 Minuten Länge wohl kaum radio- oder hittauglich sein. "Das ist uns aber egal. Wir nehmen uns nicht vor, die Lieder so lang zu machen. Es passiert einfach. Wir spielen und probieren so lange, bis ein Song für uns fertig ist", erklärt er.

Auf diese Art und Weise haben Sigur Rós mittlerweile vier Alben eingespielt, wissend, dass sie damit weder reich noch mega-berühmt werden können. "Wir sind einfach nur vier Jungs, die Musik machen, vier Typen mit Instrumenten - und wir können diese nicht einmal ordentlich spielen", sagt Kjartan lachend. Nur ein einziges Mal habe er so etwas wie ein komisches Star-Gefühl gehabt, erklärt Orri: "Da ist ein japanischer Fan vor dem Haus meiner Ex-Freundin aufgetaucht und hat "Orri, Orri" geschrien." Erleichtert fügt er hinzu: "Sowas passiert sonst aber nie."

Als größten Erfolg werten Sie die Zusammenarbeit mit Tom Yorke von Radiohead, bei denen sie einige Gastauftritte absolvierten. Björk hatte dem Radiohead-Chef eine Sigur-Rós-CD gegeben. "Sie hat nicht nur uns geholfen, sondern eine Menge für Island und isländische Musik getan, auch wenn sie etwas anderes macht als wir."

Im Frühjahr kommen Sigur Rós für vier Konzerte nach Deutschland (15.2. Hamburg, 20.2. Berlin, 21.2. München, 23.2. Mainz) - und überraschen ihre Fans möglicherweise mit etwas Ungewöhnlichem, aber auch Bekanntem. "Vielleicht spielen wir ja mal die Titelmelodie von "Derrick"", sagt Kjartan. "Die Serie ist großartig und in Island sehr beliebt. Du triffst Dich am Freitagabend mit Freunden, und alle schauen gemeinsam "Derrick" an - und weil es nicht synchronisiert ist, haben wir dabei auch etwas Deutsch gelernt."


2002-11-05
Hamburger Morgenpost    Website

Wortlos & wunderschön

Sigur Rós aus Island glauben an Elfen und nennen ihre Platte »()«

Der Mensch neigt dazu, das, was er am meisten liebt, am Härtesten zu kritisieren. Sigur Rós haben über Jahre tiefe Zuneigung und Verehrung ihrer Fans erfahren. Alleine deren Eintragungen ins Gästebuch auf der Homepage www.sigur-ros.com lesen sich wie intime Geständnisse. Das Zweitwerk der verschrobenen Skandinavier, „Ágætis Byrjun“, wurde in ihrer Heimat zur Platte des Jahrhunderts gewählt. Eine außergewöhnliche Auszeichnung für eine derart junge Band. \n\nIn diesem Jahr aber mischten sich hierzulande böse Worte unter die vielen Liebeserklärungen, denn die Isländer sagten zum zweiten Mal ihren Auftritt als Headliner beim Haldern-Festival ab. Die vom Veranstalter des sympathischen Festivals am Niederrhein extra angefertigten T-Shirts mit dem Aufdruck „Sigur Raus“ erfreuten sich unter den enttäuschten Fans größter Beliebtheit. \n\nDie Band entschuldigte sich sichtlich gerührt und klärte auf: Es gab Probleme mit der Buchungszeit von Peter Gabriels berühmten Studio Realworld. Dort sollten die über Jahre bei Live-Auftritten entwickelten Songs ihren finalen Feinschliff erhalten. \n\nEinen Namen tragen die acht Stücke des neuen Albums nicht, das Booklet besteht aus leeren Seiten aus Transparentpapier, und die Platte trägt den schlichten Titel „()“ (Klammer auf, Klammer zu). Es ist ein Werk von majestätischer Schönheit. Abseitige Pop-Musik im Wechselspiel von Dynamiken, Slo-Mo-Klangbildern, epischen Breiten und packenden Streichersequenzen. \n\nMystisch wie die Geschichte Islands, mit Texten in der von Jón Thór Birgisson erfundenen Sprache Hopelandish, einer Art lautmalerischen „Babygebrabbels“. Sigur Rós fordern ihre Fans auf, die eigenen Gefühle in Worte zu fassen und auf der Website zu veröffentlichen. Ein Computerprogramm ermittelt dann aus den häufigs-ten Begriffen die Texte – das gabs noch nie in der Geschichte des Pop. Zeit, die „Sigur-Raus“-Hemden einzumotten.


2002-10-23
Die Welt    Website

Islands Kult-Band Sigur Rós ist einfach zu langsam

Das Konzert in Berlin wird - wahrscheinlich - am 20. Februar nachgeholt

Berlin - Die Fans in Prag hatten noch ihren Spaß. Doch bis in die Berliner Arena haben es Sigur Ros nicht mehr geschafft. Das Konzert wird - wahrscheinlich - am 20. Februar nachgeholt. Nun ist es nicht das erste Mal, dass Konzerte von Sigur Rós kurzfristig abgesagt werden. Allerdings trifft die isländische Kult-Band, die ihren Instrumenten betont langsame Klänge entlockt, diesmal nur bedingt Schuld. Zehn Stunden stand das Equipment der Band im Stau an der tschechischen Grenze. Offenbar haben die Nordmänner nicht damit gerechnet, dass sich die Verkehrsverhältnisse auf dem europäischen Festland ziemlich von denen auf den isländischen Inselweiten unterscheiden. Sigur Rós appellieren an die Vorstellungskraft der Zuhörer. Darum symbolisiert "( )", der Titel der neuen CD, Leere. Darum haben die Songs keine Titel. Darum sind die 12 Seiten des CD-Booklets bis auf eine Zeichnung weiß geblieben. Müssen wir uns künftig auch Sigur-Rós-Konzerte mit aller Kraft unserer Fantasie einfach vorstellen? Wäre konsequent.


2002-10-23
Berliner Morgenpost    Website

Neuer Termin für Sigur-Rós-Konzert

Das in der vergangenen Woche kurzfristig ausgefallene Konzert der isländischen Experimental-Rockband Sigur Rós soll nach Angaben der Veranstalter voraussichtlich am 20. Februar 2003 nachgeholt werden. Bereits gekaufte Karten bleiben gültig.


2002-10-19
Berliner Morgenpost    Website

Klingende Leere

Wenigstens hatten die Fans in Prag ihren Spaß. Doch die Berliner, die am Donnerstag Abend zur Arena nach Treptow gepilgert sind, waren Neese. Das Konzert von Sigur Rós ist verlegt - mussten sie erfahren. Karten bleiben gültig. Na prima!

Nun ist es ja nicht das erste Mal, dass geplante Konzerte von Sigur Rós kurzfristig wieder abgesagt werden. Allerdings trifft die isländische Kult-Band nur bedingt Schuld. Zehn Stunden stand das Equipment der Band im Stau an der tschechischen Grenze und rückte den abendlichen Konzerttermin, für den die Arena auch noch extra bestuhlt wurde, mehr und mehr ins Reich der Unmöglichkeiten. Bis zur Absage am Nachmittag. Offenbar haben sie nicht damit gerechnet, dass sich die Verkehrsverhältnisse auf dem europäischen Festland ziemlich von denen auf den isländischen Inselweiten unterscheiden.

Sigur Rós appellieren ja vehement an die Vorstellungskraft der Zuhörer. Darum symbolisiert «( )», der Titel der neuen CD, Leere zwischen Klammern. Darum haben die neuen Songs keine Titel. Darum sind die 12 Seiten des CD-Booklets bis auf eine Titelzeichnung weiß geblieben. Sollen wir uns deshalb auch das Konzert mit aller Kraft unserer Fantasie auch einfach vorstellen? Wäre zumindest konsequent.


2002-10-17
Berliner Morgenpost    Website

Warme Klangflächen von der eisigen Insel

Experimental-Pop

Ihre neue CD heißt «( )». Das 12-seitige Booklet besteht aus leeren Blättern. Sie singen lautmalerische Texte zu flächigen, melancholischen Soundlandschaften, die Räume öffnen für die Fantasie der Zuhörer. Die Musik des isländische Quartett Sigur Ros will nicht erklärt werden. Sie will erlebt und gespürt sein, zieht mit traditionellem Rock-Instrumentarium in eine meditative Weite, die Traumwelten beschwört - oder ganz einfach die karge isländische Landschaft. Heute sind die Lieblinge der internationalen Alternative-Rockszene beim Konzert in Berlin zu erleben.


2001-02-22
Netzzeitung.de    Website

Wollen keine Elfen sein: Sigur Rós

Die isländische Popkultur boomt, das neue Aushängeschild sind Sigur Rós. Im April tourt die Band von der kleinen Insel durch ganz Europa.

Seitdem Sigur Rós als Kulturbotschafter Islands auf der Expo in Hannover aufgetreten sind, gelten sie - nach Björk und ihrer Ex-Band, den Sugarcubes - als neues Aushängeschild für die boomende Popkultur der Insel. Bassist Georg Holm sieht den Erfolg aber ganz nüchtern: «In Island reichen bereits ein paar tausend verkaufte Schallplatten für ein Gold-Album, da ist es schwer, nicht berühmt zu werden,» sagte er dem Musikmagazin «Intro». 74 Prozent der Isländer glauben an Elfen und auch Georg Holm gibt belustigt zu, die Fabelwesen ganz gerne zu mögen. Was er aber überhaupt nicht leiden kann, ist, wenn seine Band als «Elfenband» bezeichnet wird. Allerdings findet er, dass die karge Landschaft in der er lebt, die Weite, das viele Wasser und die Geysire durchaus einen Einfluss auf die sphärischen Soundscapes haben, die so typisch sind für Sigur Rós. Im April gehen die Isländer auf Tour, um ihr letztes Album «Agaetis Byrjun», mit dem sie sämtliche Jahres-Polls 2000 anführten, live vorzustellen. In Deutschland haben Sigur Rós bisher drei Konzerte geplant: Am 16. April in Berlin, am 17. April in Hamburg und am 18. April in Frankfurt am Main




2000-12-02
Die Zeit    Website

Der dritte Weg führt in die Seele

Musikalische Landschaftsmalerei aus Island und England: Sigur Rós und Radiohead halten die Schwebe zwischen Song und Sound

Man könnte dabei im Dunkeln sitzen, beim schwachen Echo der Straßenlampen und dem traulichen Glimmen der roten Stand-by-Leuchten, in den Klängen versinken und vom Rock 'n' Roll träumen, der angeblich schon manchem das Leben rettete. Man glaubt sie gerne, die alte Mär von der Musik, die sich immer wieder unerwartet aus Hinterhöfen, Vororten und kargen Landschaften erhebt und neugeboren in die Welt kommt. Umso schöner, wenn Märchen wahr werden.

Gefährlich nahe der Schablone, wenn diese Musik zudem aus Island stammt und so klingt, wie sich jeder Musik aus Island schon immer dachte. Mehr Island als Björk je sein kann. Pittoresk, wenn diese vier jungen Männer dann noch isländisch oder gar in der Fantasiesprache Hopelandish singen, darauf bestehen, ihre Musik sei von der Natur des Landes geprägt und dies auch noch zutrifft. Am besten, man arbeitet das betreffende Wortfeld gleich ab, um endlich zur Musik von Sigur Rós zu kommen: menschenleer, Vulkan, endlos, Kobold, Geysir, erhaben, Elfen, verlassene Nato-Kasernen, Gletscher, schweflig, Geröll, 280 000 Einwohner, Reykjavík.

Start. Orgelakkorde unter sphärischen Harmoniegesang gerührt, ein glockiger Marimbaton, der - bing! - die Wellen einer mit dem Bogen gestrichenen E-Gitarre zart punktiert, während über all dem Schwellen und Schweben eine hohe, feminine Stimme ihre Kreise zieht - i tju ... i tju - und sirenengleich "kommdochkommdoch" lockt: Svefn-G-Englar, das erste Stück auf der CD Ág“tis byrjun der Gruppe Sigur Rós. Man kennt das Genre in Variationen seit den siebziger Jahren, ob als süffige Teenager-Symphonien aus dem warmen Kalifornien, als Soundscapes von Pink Floyd, wann immer irgendwo ein Flügel in süßen Harmoniegewässern versinkt. Es ist der Engelsklang zum teuflischen Rock 'n' Roll, die fünfte Kolonne klassischer Romantik - ästhetisch korrekt bespuckt und verhöhnt. Kritischen Ohres ist dieser slow-motion-Rock nur schwer zu verantworten, und doch weiten diese Hymnen der Seeligkeit das Herz.

Etwas ist anders und neu an diesen Zeitlupen-Songs. Es sind kleine Störmomente: das sekundenschnelle Umkippen von Streicherklängen ins Handy-Piepen, ein Meeresrauschen, das unentschieden zwischen Original und elektronischer Kopie schwankt, dann für einen Moment die Stimme eines Opernsängers, ein plötzlicher Absturz des pompösen Streicherarrangements in den Keller, wo allein die akustische Gitarre schrammt - irritierende Fundstücke. Als wollten sie aufs Leben 2000 verweisen, auf den Bruch zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, als winkten sie uns verschwörerisch zu, ihr wisst schon, woher wir kommen, wovon wir träumen.

Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug seien unschlagbar, heißt es. Die Isländer Jon Thor Birgisson (Gesang/Gitarre), Kjartan Sveinsson (Gitarre/Keyboards), Georg Holm (Bass), und Ori Páll Dyrason (Schlagzeug) spielen ihre neuen Kompositionen zuerst in Konzerten, nehmen sie dann in vier Tagen auf und mixen danach vier Monate im Studio, um die Skizzen in Klanglandschaften zu verwandeln. Die Post-Song-Ära geht zu Ende: Es sind Lieder, ziemlich eindeutig, und doch überlappen sich die Stücke, wirken wie ein einziges schwebendes Klangzentrum, statisch und doch in Bewegung, nie tönt gebrochene Sehnsucht so wirkungsvoll wie mit dramatischem Gestus präsentiert.

Man muss erst mal kopieren, um einzigartig zu werden

1994 haben sich Sigur Rós in Reykjavík gefunden, als "Sieger Rose" zu übersetzen, zusammengeschrieben meint es schlicht den Namen von Sänger Jon Thor Birgissons Schwester. 1997 veröffentlichten sie das Album Von (gleichbedeutend mit Hoffnung), 1999 ihr zweites Werk Ág“tis byrjun (sprich: Augeitis Birrjün), meint: "Ein neuer, ein guter Anfang". Und sie sind so jung, wie man sein muss, um Musik zu machen, die so selbstbewusst klingt. "Wir sind keine Band", spricht die Website (www.sigur-ros.com), "wir sind Musik. Wir wollen keine Superstars oder Millionäre werden, wir sind dabei, die Musik und die Art, wie Menschen mit ihr umgehen, zu ändern. Und glaubt bloß nicht, wir könnten das nicht, wir werden es schaffen."

Es ist die alte Geschichte von jungen Männern, deren einzige Überlebenschance in der Enge ihrer Kleinstadtwelt darin besteht, zu kopieren, sich zu finden und zu unterscheiden, bis sie arrogant einzigartig sind. "Zeitlosigkeit ist unser Hauptanliegen. Wir wollen mit unserer Musik unsterblich werden." Oder, mit Ironie gesehen: "In Island ist es schwer, nicht berühmt zu werden." Es wird gelingen, mit sakralem Hall, mit Schwelgen, mit einer Musik, die so selbstverständlich in den Klangfundus von Ambient-Bastlern greift, dass die Vergleiche über die Zeilen schwappen. Um die betreffenden Links gleich mit einem Klick zu erledigen: Air / Polar / Portishead / Mercury Rev / Cocteau Twins / Mogwai / Low / King Crimson / Pavlov's Dog / My Bloody Valentine / Górecki / Miles Davis / Django Bates / Tindersticks / Codeine / This Mortal Coil ... Jemanden vergessen?

Und doch ist dies nicht die unendliche Fortsetzungsgeschichte vom Aufstieg einer Band, die Geburt einer neuen folkloristisch behauchten Hymnik, die diesmal aus Island kommt, das Feld ist weiter. Die Schnittmenge aus Ambient, elektronischen Geräuschexperimenten, Rocksongs und dem Instrumentarium klassischer Musik wird immer größer. Als wolle man aus all den verstreuten Fragmenten wieder eine mehrheitsfähige Einheit bilden - den third stream zwischen grenzenloser Computer- und erzählender Rockmusik.

Auch Radiohead, jene fünf britischen Jungs aus einer Kleinstadt bei Oxford, die 1993 mit ihrem depressiven Monolog Creep den tragisch Leidenden wieder eine mitfühlbare Stimme gaben, die nun schon lange 15 Jahre zusammen sind und deren Sänger Thom Yorke die magische 30 überschritten hat, auch sie haben jenen Schwebezustand zwischen Song und Sound erreicht, der an die Sound And Vision-Zusammenarbeit von David Bowie und Brian Eno Mitte der achtziger Jahre erinnert. Bedingt durch eine Schaffenskrise und den unvermeidlichen Ennui des Rock 'n' Roll, entstand ihr jüngstes Werk Kid A, ein Album, dessen Konzept vor allem im Zusammenkleben zerschlagener Lieder bestand. "Ich langweile mich. Mich langweilt dieses Rockding. Sie nicht?", fragt Thom Yorke. Das Pendel schlägt zurück: von John Cage zu Franz Schubert, von den Laptop-Klangsuchern und HipHop-DJs zu den Gitarrenbands. Doch nicht als Machtwechsel, sondern als Trinität von Geräusch, Raumklang und Lied: Instrumentale Labyrinthe entstehen, durch die sich die verfremdete Stimme des Sängers wie ein roter Klangfaden zieht, Saxofongebläse wie in freiesten Jazz-Zeiten, Kraftwerkschleifen, über die sich Melodien legen. Das ist kein Hype gelangweilter Kritiker, wie der Pop-Autor Nick Hornby im New Yorker vermutet, viel eher aus dem Bedürfnis entstanden, sich weder von Rocksongs überwältigen noch dem puren Ambient-Klang ausliefern zu lassen.

Mit Motion Picture Soundtrack schließt das Album Kid A, ein orgelgetragenes und harfenumschwärmtes Stück, das - wie vieles - ans Vorbild REM gemahnt und die Landschaftsbilder des amerikanischen Films zurückholt. Im Inneren des Booklets, vom Betrachter abgewandt, steht eine Familie, blickt in eine Schneelandschaft, aus Malerei, Fotografie, Computergrafik und Schriftzeichen gesampelt. Es ist die bildliche Entsprechung zur Musik: in Caspar-David-Friedrich-Distanz zum romantischen Sujet, elektronisch gemalt auf transparenter Leinwand.

"Wir blicken sehr stark in das Land hinein, versuchen, dort unsere Wurzel zu finden. In der Natur und Landschaft." Sagen Sigur Rós. Dass sie - ebenso wie Radiohead - große Vorbehalte gegenüber der Visualisierung ihrer Musik durch die Bubblegum-Bilder der Musikvideos hegen, erscheint logisch. Mag bei Radiohead der Wunsch im Vordergrund stehen, sich aus der Enge der Rock-Business-Erwartungen in unbegrenzte Klangwelten zu verlieren - How To Disappear Completely -, so mag die Musik bei Sigur Rós, die bei einigen Konzerten von Radiohead als Vorgruppe auftraten, aus dem Versuch entstehen, die Weite Islands in die Enge von Reykjavík zu holen, das manchmal wie ein Brennspiegel der Rockmusik erscheint. Dem Hörer schenken sie verwandte Musikbilder: Stimmen und Geschichten in künstliche, weite Landschaften gesetzt. Wohin der Blick sich wendet, bleibt offen.


2000-11-30
Berliner Zeitung    Website

Eloquenz des Erhabenen

Auch Schweigen genannt: Sigur Rós und Godspeed You Black Emperor

Die gegenwärtig beliebteste Pop-Positur ist jene der schlichten Verweigerung. Seit auch der flüchtigste Hype seinen Ruhm mit megalomaner Redseligkeit garniert, sind schweigende Musiker attraktiver denn je. Am besten kann man dies an der erstaunlichen Aufmerksamkeit sehen, die die neuen Alben von Sigur Rós und Godspeed You Black Emperor genießen. "Agaetis byrjun" und "Levez Vos Skinny Fists Comme Antennas to Heaven" sind aber auch ansonsten Komplemente ein und desselben Phänomens.

In beiden Fällen wird die Musik entkörperlicht und transparent gemacht; gegen die generelle Verdinglichung im Rock wollen Sigur Rós und Godspeed You Black Emperor zu einer Art musikalischem Urzustand zurückfinden. Und die musikalischen Strategien, die sie dabei verfolgen, könnte man gleichermaßen leicht mit esoterischen Selbsterfahrungstrips verwechseln.

Denn die Natur spielt, schon bandbiografisch gesehen, in beiden Fällen eine nicht unerhebliche Rolle: Von der Peripherie (aus der Eistundra Islands bzw. den kanadischen Wäldern) haben sie sich allmählich in die urbanen Zentren der Musikindustrie vorgearbeitet, eine Erfahrung, die viel zum Emotionshaushalt und Aggregatszustand ihrer Musik (ständig schwankend zwischen gasförmig und fließend) beigetragen hat.

Doch von diesen sehr ähnlichen Voraussetzungen ausgehend, arbeiten sich beide Bands in völlig verschiedene Richtungen voran. Während die neuen Mitglieder von Godspeed You Black Emperor in der Transkription ihres gehäuften, hoch kompensierten Klangmaterials nach möglichst zahlreichen kathartischen Momenten suchen, gehen Sigur Rós den entgegengesetzten Weg. Sie schaffen Klarheit, wo Godspeed schichten: Transparenz nicht durch produktionstechnische Tiefenschärfe, sondern durch bedingungslose Reduktion. Das schwere Dräuen Godspeeds wird bei Sigur Rós durch eine traumhafte Weitläufigkeit ersetzt, ähnlich den klassischen Feedback-Orgien von My Bloody Valentine: Die flächigen Melodien lösen sich an den Rändern in reine Klanglichkeit auf.

So wird das Experiment "sakrale Popmusik" zu einer vorläufigen Vollendung gebracht. Diese Eloquenz sprachloser Erhabenheit hat auf dem zweiten Album von Godspeed You Black Emperor jedoch bereits wieder an Präzision verloren. Nur noch unter größten Mühen ringen sie der bombastischen Fülle des Klangs jene kontemplativen Stimmungen ab, die für ihre Musik bislang typisch gewesen sind.


2000-11-20
Hamburger Morgenpost    Website

Wie ein langer ruhiger Fluss

Was in aller Welt hat diesem Mann soviel Schwermut in die Seele gepflanzt? Worüber er auch immer da singen mag - die Menschen im ausverkauften Schlachthof hängen gebannt an den Lippen von Jón Þór (Jon Por) Birgisson, der sich den leidenden Engelsgesang für jeden Song des Sigur-Rós-Debüts "Agaetis Birjun" aus dem Herzen zu wringen scheint.

Jemand zündet sich eine Zigarette an - das Geräusch ist im Umkreis von zwei Metern zu hören. Die vier Isländer zelebrieren die Stille in langen, ausufernden Momenten, gefüllt oft nur von sanften Keyboardflächen, dem Klang des gestreichelten Schlagzeugs und der mit dem Geigenbogen gestrichenen E-Gitarre. Im Schein von Kerzen und roter Bühnenbeleuchtung fließt die Musik dahin, wie ein langer ruhiger Fluss, der nur beizeiten zu einem Strom anschwillt. Dann aber drischt Schlagzeuger Dyrason auf sein Set ein, als gälte es, alle bösen Geister der unwirtlichen Insel im Atlantik in die Flucht zu schlagen. Die Musiker richten kein Wort ans Publikum. Ist ein Stück zu Ende, vergehen zwei Sekunden vorsichtigen Wartens, bevor sich der Erste traut, zu applaudieren.

Nach 90 Minuten geschieht Wundersames: Auch wenn Radioheads Musik verglichen mit Sigur-Rós-Stücken wie lebensbejahende Party-Hymnen klingt, gehen die Menschen mit einen Lächeln im Gesicht.


2000-11-17
Die Welt    Website

Isländische Schwermut: Ein Mal voll tanken, bitte

Die Band Sigur Rós beweist, dass man Rockmusik auch ganz, ganz langsam spielen kann

Die Fotos sind bunt, die Überschriften klingen titanisch: "Am Atem der Schöpfung" oder "Zwischen Himmel und Erde". Es vergeht kaum ein Monat, wo man nicht zu einem Diavortrag im Dolby-Sound über Island geladen wird. Aber Island ist mehr als eine urtümliche Freizeitlandschaft voller Lavabrocken, Geysire und Wasserfälle, vor denen man sich in bunter Trekkingjacke fotografieren lassen kann. Die nördliche Insel hat sogar Kultur!

Zum Beweis ist jetzt eine isländische Popband unterwegs. Sie heißt Sigur Rós, und ihre Musik firmiert unter dem Kürzel Slo-Mo-Rock - von slow motion, und das ist gar nicht verkehrt. Sigur Rós bieten etwas anderes als den gängigen Hau-Ruck-Rock.

Dabei sieht die Rockformation auf den ersten Blick ganz konventionell aus: Keybord, Bass, Schlagzeug, Gitarre und Gesang. Nur wird die Gitarre eben nicht nur gezupft oder geschlagen; zwischendurch werden die Saiten auch mit dem Bogen gestrichen. Das weist schon darauf hin, dass man einen Hang zum Orchestralen, Langsamen, Schweren hat. Dazu gesellen sich verhallte Gesangspassagen, die zu Chören anwachsen.

Die Texte sind eine Mischung aus Isländisch und einer eigenen Kreation namens "Hopelandish". Der deutsche Hörer wird die Unterschiede kaum bemerken, aber das macht nichts: "Man muss die Texte nicht verstehen, sogar die Isländer tun das nicht. Es geht um den Klang", sagt ein Mitglied der Band.

Manches erinnert an die Achtziger-Jahre-Musik des Londoner 4AD-Labels, das Gruppen wie die "Cocteau Twins" oder "Dead can dance" verlegte, Gruppen, deren Credo lautete: Süßer Weltschmerz, ach, komm' her!

Auch die Band Sigur Rós ist von solchen Attitüden nicht frei. In Interviews mimen sie gern die wortkargen Jünglinge und tönen: "Wir sind keine Band, wir sind Musik." Außerdem erklären sie, ihre Musik höre sich an, als würde Gott im Himmel weinen. Dies dürfte Berufstätige und Erziehungsberechtigte eher abschrecken. Aber Klappern gehört zum Geschäft, und ein bisschen Pathos kann in den kommenden kalten und dunklen Tagen ja nicht schaden.

Ihr zweites Album "Agaetis Byrjun", das im vergangenen Jahr das meistverkaufte in ihrer Heimat war, wird seit kurzem von einem Hamburger Label vertrieben. Überhaupt hat Island, das so viele Einwohner zählt wie der Bezirk Wandsbek gemeldete Bewohner, eine rege Hamburger Fangemeinde.

Es ist zwar schon ein paar Jahre her, dass die berühmte Sängerin Björk in der Alsterdorfer Sporthalle auftrat, aber die isländische Dichtergilde schaut öfters vorbei - allen voran Einar Karason und Einar Mar Gudmundsson. Islands bekanntester Filmemacher Fridrik Thor Fridriksson war im Abaton beim Hamburg-Start seiner Filme anwesend. Und hier schließt sich der Kreis: Zu Fridrik Thor Fridrikssons neuem Film - der Verfilmung des Romans "Engel des Universums" von Einar Mar Gudmudsson - hat die Band Sigur Rós zwei Songs beigesteuert.

Wer am Freitagabend isländische Schwermut tanken will, der kann die Band live erleben. Und wer etwas anderes vorhat: Der NDR wird das Konzert mitschneiden und in Kürze senden.


2000-11-17
Hamburger Morgenpost    Website

Tränen und Elfen

Je dichter es gen Polarkreis geht, desto eigentümlicher wird die Pop-Musik. Niemand - nicht einmal Jimi Tenor oder Björk - hat es bislang geschafft, Publikum und Presse so einhellig zu begeistern wie Sigur Ros.

Das Quartett aus der isländischen Hauptstadt Reykjavik gründete sich schon 1994 und kratzte sein letztes Geld zusammen, um einen Song für einen Sampler aufzunehmen. Vier Jahre später besetzten Sigur Ros den gesamten Sommer Platz 1 der einheimischen Single-Charts und 1999 avancierte das Album "Agaetis Byrjun" zum Topseller. Ausserhalb der Insel jedoch blieb die Band zunächst ein Geheimtipp, der erst dieses Jahr lawinenartig über Europa hereinbrach.

Ihre Musik ist ein mythischer Soundtrack zu einem von Elfen und Kobolden gegebenen Naturschauspiel - eine Liebeserklärung an die Welt der Töne. Wer auf ihre aufwendig gestaltete Homepage (www.sigur-ros.com) geht, findet dort ein vollgeschriebenes Gästebuch, dessen Seiten mit Tränen geschrieben wurden. Dort finden sich Einträge wie: "Your music is in my heart, your voice is in my soul."

Menschen weinen bei Sigur-Ros-Konzerten, denn diese unpathetischen, kitschfreien Klänge gehen tief ins Innere. Zeitlupenartig und sanft schwingend umspülen orchestrale Instrumentierungen und Slow-Motion-Rock den Zuhörer und tragen ihn fort. Die Welt von Sigur Ros liegt irgendwo zwischen Mark Hollis (Talk Talk), lärmfreien My Bloody Valentine und den ästhetischen Momenten von Godspeed You Black Emperor!. Von dort bringen sie wundersam instrumentierte Geschichten mit - und alle werden gebannt zuhören...





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